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Einstellungen und Wandlungen des Fairnessverständnisses und -verhaltens sowie der Gewalterfahrungen von C- und B- Jugendbezirksligaspielern Niedersachsens


Leitung: Prof. Dr. Gunter A. Pilz
Mitarbeiter(innen): Gunnar Kappel (stud. phil.), Henning Schick (Dipl.-Soziologe, Nieders. Fußballbund)
Online-Publikation: Fußball und Gewalt, Auswertung der Verwaltungsentscheide und Sportgerichtsurteile im Bereich des Niedersächsischen Fußballverbandes Saison 1998-1999, Prof. Dr. Gunter A. Pilz, Henning Schick, (PDF)

Zusammenfassung:

Im Rahmen des auf prozesshaftem Lernen angelegten Fair Play Cup Niedersachsen werden alljährlich sämtliche C- und B-Jugendbezirksligafußballspieler Niedersachsen nach ihrem Fairnessverständnis und -verhalten sowie zu ihren Gewalterfahrungen und den Möglichkeiten der Fairnesserziehung im Fußballverein befragt.

Die bisherigen Ergebnisse weisen auf folgende signifikanten Zusammenhänge hin:

1. Je höher die Altersklasse und je länger die Jugendlichen bereits aktiv im Verein Fußball spielen,
- desto eher entwickeln sie ein Fairnessverständnis im Sinne des "fairen Foul" ("Fairness heißt fair spielen und wenn es sein muss foulen"),
- desto mehr rechtfertigen die "Notbremse" (absichtliches Foulspiel im Interesse des Erfolgs), die "Schwalbe" (Vortäuschen eines Fouls) bzw. absichtliches Zeitspiel als unfair aber taktisch klug und
- desto höher ist der Prozentsatz der Spieler, die angeben sich auf dem Fußballplatz in den entsprechenden Situationen genauso zu verhalten.

Der Fußballverein erweist sich somit weniger als Sozialisationsinstanz des Fair Play, sondern als Vermittler der Moral des "fairen Foul".

2. Die Ergebnisse werden relativiert durch Korrelationen des Fairnessverhaltens und der Einstellungen der jungen Fußballspieler zu Fairness und Gewalt mit den Einstellungen ihrer Trainer/Betreuer zum Fair Play und der Bemühungen um Fairnesserziehung.
Je intensiver sich die Trainer und Betreuer nach Einschätzung und Wahrnehmung der Spieler um das Fairnessverhalten und die Fairnesserziehung der jugendlichen Fußballspieler bemühen,
- desto weniger entwickeln die Spieler eine Moral des fairen Fouls und
- desto weniger geben sie an, sich auf dem Platz unfair zu verhalten, - desto weniger greifen sie zur "Notbremse", "Schwalbe" oder zum absichtlichen Zeitspiel und
- desto weniger sind sie auch bereit, dieses Verhalten als taktisch klug zu beschreiben.
- Desto mehr geben die jungen Fußballspieler auch an, dass sich im Laufe des Fair Play Cup Niedersachsen ihr Fairnesserhalten auf dem Platz positiv gewandelt hat.

Fairnesserziehung, Bemühungen um mehr Fairness im Jugendfußball können somit durchaus erfolgreich sein, wenn Trainer und Betreuer aktiv mitarbeiten.

3. Signifikante Unterschiede bezüglich der Gewaltbereitschaft und Gewalterfahrun-gen im und außerhalb der Sports ergeben sich auch bezüglich der ethnischen Herkunft der jungen Fußballspieler.
- Jugendliche nicht-deutscher Herkunft, vornehmlich junge türkische und kurdische Fußballspieler zeichnen sich durch eine ausgeprägtere Gewaltbereitschaft aus.
- Unsere Daten weisen hier zusätzlich auf eine Zunahme der gewaltförmgen Auseinandersetzungen, vor allem mit ethnischen Hintergrund hin.

Ethnische Konflikte der Gesellschaft wirken somit sehr stark in den Fußballsport Sport hinein.

Literatur:     

PILZ, G.A.: Der Fußballverein - Schule zur Unfairness? In: HAMSEN,G.(Ed.): Juniorenfußball im Brennpunkt. Clausthal-Zellerfeld 1992, 15-32

PILZ, G.A.: Zum Problem struktureller Bedingungen für Unfairneß.- Eine empirische Analyse. In: GERHARDT,V. / LÄMMER,M. (Hrsg.): Fairness und Fair Play. Sankt Augustin 1993, 173-201

PILZ; G.A.: Gewalt im, um und durch den Sport. In: WÖLFING,W. (Hrsg.): Was ist nur mit unserer Jugend los? Heranwachsen unter Widersprüchen in der Bundesrepublik Deutschland. Weinheim 1994, 307-352 und in: HURRELMANN,K./PALENTIEN,C./WILKEN,W. (Hrsg.): Anti-Gewalt- Report. Handeln gegen Aggressionen in Familie, Schule und Freizeit. Weinheim 1995, 111-130

PILZ, G.A.: Performance Sport: Education in Fair play? (Some Empirical and Theoretical Remarks). In: International Review for the Sociology of Sport 30, 1995, 3-4, 391-418

PILZ, G.A.: Fairness und ihr Verständnis im sportlichen Wettkampf; oder: Die Moral des "fairen Foul". In: MOKROSCH,R./REGENBOGEN,A. (Hrsg.): Was heißt Gerechtigkeit? Ethische Perspektiven zu Erziehung, Politik und Religion. Donauwörth 1999, S. 215-227